Jüdische Kultur auf Hebräisch

Jüdisches Leben in Europa jenseits der Metropolen

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Einführung


Judentum in Europa

Jüdisches Leben und jüdische Geschichte in den Geschichtskulturen der Niederlande, Deutschlands und Polens

Eine Aufnahme der Synagoge in Dortmund von etwa 1930 Die Synagoge in Dortmund, etwa 1930.
Foto: Fotograf unbekannt/Westfälisches Landesmedienzentrum.
Das Judentum gehört neben dem Christentum und dem Erbe Griechenlands und Roms zu den Fundamenten europäischer Kultur. Über viele Jahrhunderte haben Menschen christlichen und jüdischen Glaubens in den Städten und auf dem Land neben- und miteinander gelebt. Juden haben einerseits eine ganz eigenständige Kultur ausgeprägt, waren andererseits aber mit ihrer sozialen und kulturellen Umwelt auf vielfältige Weise verwoben. Seit der Aufklärung haben sie die Entstehung der modernen europäischen Kultur wesentlich mit gestaltet und geprägt. Jüdische Geschichte ist transnational. Migration und Mobilität waren entscheidende Faktoren für die Rolle von Juden als Kulturvermittler in Europa.

Meist wird die Geschichte des europäischen Judentums nur vom vermeintlichen Ende her erinnert. Der reiche jüdische Anteil am kulturellen Erbe unseres Kontinents erfährt in dieser Sichtweise zumeist nur eine randständige Wahrnehmung. Jüdische Geschichte wird fokussiert auf Pogrome während der Kreuzzüge, der Pest oder verschiedener Aufstände. In dieser Perspektive erscheint jüdisches Leben reduziert auf eine Vorgeschichte des Holocaust. Auch in deutschen, polnischen und niederländischen Schulbüchern hat die Judenvernichtung bei der Behandlung des Themas Judentum eine erdrückende Dominanz.
Kiddusch in der Synagoge Selm-Bork Kiddusch der liberal-jüdischen Gruppe "Etz Ami" in der Synagoge Selm-Bork
Foto: Chajm Guski

Schwieriges Erinnern


Jede Beschäftigung mit jüdischem Leben und jüdischer Geschichte steht in Deutschland nach 1945 unter diesem nicht wegzuleugnenden Zeichen: der versuchten Vernichtung des europäischen Judentums durch Nazideutschland. Skandale, die Entdeckung neuer Themenaspekte, Vermeidungsversuche und die unterschiedlichsten medialen Annäherungsversuche begleiten über sechs Jahrzehnte hinweg den Versuch, aus der Shoah etwas zu "lernen".

In den Niederlanden ist der Unterricht über das Judentum stark geprägt von der Bekanntheit von Anne Frank: Kinder lernen, dass Anne Frank jüdisch war und in einem Konzentrationslager gestorben ist. Sie ist häufig die erste, die jungen Menschen einfällt, wenn sie nach jüdischen Persönlichkeiten in der niederländischen Geschichte gefragt werden.

In Polen kommt zu dem Umstand, dass die facettenreiche polnisch-jüdische Vergangenheit weitgehend auf die Erinnerung an den Holocaust reduziert wird, noch erschwerend hinzu, wie kompliziert eben diese Erinnerung hier ist: Polen erlitt relativ gesehen die größten Verluste unter den Kriegsteilnehmern des Zweiten Weltkriegs, die Nationalsozialisten ermordeten große Teile der nichtjüdischen polnischen Elite. Auschwitz wurde zum Symbol für polnisches Leid, es entstand gewissermaßen eine Konkurrenz der Opfer. In den letzten Jahren erinnert man auch in Polen zunehmend an den Holocaust, diskutiert werden auch polnische Beteiligungen an den Verbrechen. Doch eine darüber hinaus gehende Beschäftigung mit jüdischer Geschichte bleibt in Polen immer noch defizitär: Die wichtige Rolle von Juden in der multikulturellen und multiethnischen Vergangenheit Polens findet wenig Beachtung.

In der Forschung und in den Fachdebatten und Präsentationsformen jüdischer Museen hat sich die Sichtweise auf jüdische Geschichte in allen drei Ländern stark erweitert, aber dieser begonnene Perspektivenwechsel ist noch nicht ausreichend in Richtlinien, Lehrmedien und Unterrichtspraxis der allgemeinen Bildungsarbeit umgesetzt.

Europäische Perspektive


Wenn es um Juden in Europa geht, ist die "Außenperspektive" der Mehrheitsgesellschaft auf eine vermeintlich homogene Judenheit vorherrschend – jüdische Blicke auf die Mehrheit, Selbstdefinitionen, Selbstverständnisse und innere Kontroversen werden kaum wahrgenommen. Um über die Geschichte des Zusammenlebens und der Interaktion stärker zu informieren, sollten die Leistungen von Juden für die Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft in Europa unterstrichen werden. Eine wichtige Perspektiverweiterung stellt zudem der europäische Kontext der jüdischen Geschichte da. Dazu gehört die Information über
  • jüdisches Leben in der Diaspora unter wechselnden Bedingungen,

  • die besondere Mobilität von Juden in Europa, geschichtliche und aktuelle Wanderungsprozesse,

  • Unterschiede jüdischer Kultur und Geschichte in den verschiedenen Regionen,

  • die inneren Differenzierungen im Judentum sowie die vielfältigen Wege jüdischer Identitäten (religiöse Vielfalt, weltliche Selbstverständnisse, Zionismus….),

  • soziale Differenzierungsprozesse und die Rolle von Bildung und Modernisierung für die jüdische Selbstbehauptung,

  • die besondere Funktion der Juden für Aufklärung, Modernisierungs- und Demokratisierungsprozesse,

  • die Unterschiede jüdischen Lebens in den Metropolen, auf dem Land und in Städten jenseits der Metropolen,

  • die Rolle und Entwicklung jüdischer Gemeinden und die innere Pluralisierung von Juden in der europäischen Gegenwart.


Die schwierigste Frage bleibt offen: Was genau ist eigentlich Judentum? Wie sehen sich Juden selbst? Gibt es "die" Juden? Es gab vermutlich genau so viele deutsch-jüdische, polnisch-jüdische und niederländisch-jüdische Geschichten, wie es deutsch-jüdische, polnisch-jüdische und niederländisch-jüdische und eben europäische Identitäten gab.
Einige dieser Geschichten werden in diesem Projekt erzählt.